Was mache ich, wenn mein Hund einen Anfall hat?
Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben und die Umgebung des Tieres sicher zu machen. Einen bereits begonnenen Anfall kann der Halter nicht stoppen. Sie können aber Verletzungen verhindern, die Zeit stoppen und genau beobachten. Die Schritte sind bei Hunden und Katzen gleich:
- Bleiben Sie bei Ihrem Tier und bewahren Sie Ruhe. Bei generalisierten Anfällen ist das Tier in der Regel bewusstlos und reagiert weder auf Ansprache noch auf Berührung.
- Räumen Sie Gegenstände weg, an denen es sich stoßen kann oder die auf es fallen können: Stühle, Näpfe, Zerbrechliches. Liegt es in der Nähe einer Treppe, eines Pools oder auf einem hohen Sofa, versuchen Sie, einen Sturz zu verhindern, aber nur, wenn Sie das gefahrlos tun können. Sie können ihm etwas Weiches unter den Kopf legen.
- Halten Sie es nicht fest und versuchen Sie nicht, die Bewegungen zu unterdrücken.
- Greifen Sie ihm nicht mit der Hand oder den Fingern ins Maul und stecken Sie ihm nichts hinein.
- Schauen Sie auf die Uhr oder starten Sie die Stoppuhr am Handy, sobald der Anfall beginnt.
- Filmen Sie die Episode, wenn jemand die Hände frei hat.
- Hat Ihnen Ihre Tierärztin oder Ihr Tierarzt bereits ein Medikament für Anfälle verschrieben und gezeigt, wie und wann Sie es geben, gehen Sie genau so vor, wie es Ihnen erklärt wurde.
Kann ein Hund während eines Anfalls seine Zunge verschlucken?
Nein. Ein Hund oder eine Katze kann während eines Anfalls die Zunge nicht verschlucken. Das ist ein Mythos, und der Versuch, die Zunge „herauszuziehen“ oder etwas zwischen die Zähne zu schieben, ist gefährlich: Während des Anfalls beißt das Tier unkontrolliert und kräftig zu und kann Sie schwer verletzen. Ein Gegenstand im Maul kann zerbrechen, das Tier verletzen oder in den Rachen geraten. Speichelt das Tier stark, können Sie es auf der Seite liegen lassen, ohne sein Maul zu berühren.
Warum ist es wichtig, die Dauer des Anfalls zu stoppen?
Die Dauer des Anfalls entscheidet darüber, ob es ein Notfall ist. Die meisten generalisierten Anfälle dauern weniger als 5 Minuten, meist 1-2 Minuten. Ein Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, gilt als Status epilepticus, ein lebensbedrohlicher Notfall. Ohne Uhr lässt sich die Dauer kaum richtig einschätzen: Wer zusieht, dem kommen wenige Sekunden Anfall wie ganze Minuten vor. Notieren Sie die Uhrzeit, zu der er begonnen hat, und die Uhrzeit, zu der das Tier mit den Bewegungen aufgehört hat.
Warum hilft ein Video des Anfalls?
Die Tierärztin oder der Tierarzt sieht einen Anfall nur sehr selten live. Ein Video hilft festzustellen, ob die Episode wirklich ein epileptischer Anfall war und nicht eine Ohnmacht oder eine Gleichgewichtsstörung, und um welche Art von Anfall es sich handelt. Besonders wichtig ist der Beginn, starten Sie die Kamera also so früh wie möglich.
Was kommt nach dem Anfall?
Nach dem Anfall folgt die postiktale Phase, in der sich das Gehirn erholt. Sie kann einige Minuten bis mehrere Stunden dauern. In dieser Zeit kann das Tier:
- desorientiert sein, gegen Gegenstände laufen oder unsicher gehen;
- vorübergehend blind sein oder nicht auf seinen Namen reagieren;
- unruhig, verängstigt oder sogar aggressiv sein, ohne Sie zu erkennen;
- sehr müde oder im Gegenteil hungrig und durstig sein.
Lassen Sie es an einem ruhigen, gedämpft beleuchteten Ort, weg von Treppen und anderen Tieren. Sprechen Sie ruhig mit ihm, versuchen Sie aber nicht, es anzufassen, solange es Sie nicht erkennt. Geben Sie ihm kein Futter, kein Wasser und keine Medikamente über das Maul, bis es wieder normal schlucken und sicher laufen kann. Dauert die postiktale Phase länger als 24 Stunden oder sind die Auffälligkeiten schwer, sagen Sie es Ihrer Tierärztin oder Ihrem Tierarzt: Das ist eines der Kriterien, nach denen über die Behandlung entschieden wird.
Eine neurologische Untersuchung zeigt, woher das Problem kommt und was zu tun ist.
Was schreibe ich ins Anfallstagebuch?
Das Anfallstagebuch ist eines der hilfreichsten Werkzeuge für die Tierärztin oder den Tierarzt und wird in den internationalen Leitlinien ausdrücklich empfohlen. Notieren Sie zu jedem Anfall:
- Datum und Uhrzeit;
- was das Tier davor gemacht hat (geschlafen, gespielt, gefressen) und ob Ihnen in den Stunden oder Tagen davor Veränderungen aufgefallen sind;
- wie der Anfall aussah und wie lange er gedauert hat;
- ob es gespeichelt, Urin oder Kot verloren hat;
- wie lange die Erholung gedauert hat und wie es sich danach verhalten hat;
- ob es mehrere Anfälle am selben Tag hatte;
- jede vergessene, erbrochene oder verspätet gegebene Medikamentengabe und jede Futterumstellung.
Bringen Sie das Tagebuch zu jeder Kontrolle mit. Daraus lässt sich ablesen, ob die Behandlung wirkt oder angepasst werden muss. Tipps für den Alltag finden Sie im Artikel über das Leben mit einem epileptischen Hund.
Wann ist ein Anfall ein Notfall?
Fahren Sie sofort zur nächsten Tierklinik mit Notdienst, wenn:
- der Anfall länger als 5 Minuten dauert;
- das Tier zwei oder mehr Anfälle hintereinander hat, ohne sich dazwischen zu erholen;
- mehrere Anfälle am selben Tag auftreten (Anfallsserien, auch Clusteranfälle genannt), auch wenn es sich dazwischen erholt, und Ihre Tierärztin oder Ihr Tierarzt Ihnen für diesen Fall keinen Plan gegeben hat;
- es der erste Anfall bei einem Welpen oder Kitten ist und weitere Symptome hinzukommen: Schwäche, Erbrechen, Zittern, unsicherer Gang, Schläfrigkeit;
- Sie eine Vergiftung vermuten: Schnecken- oder Rattenköder, Insektizide, Frostschutzmittel, Medikamente für Menschen, ein Parasitenmittel für Hunde, das bei einer Katze angewendet wurde;
- das Tier eine Kopfverletzung hatte oder sich nach dem Anfall nicht erholt.
Hört der Anfall unterwegs auf, fahren Sie trotzdem in die Klinik. Rufen Sie wenn möglich vorher an, damit man dort weiß, dass Sie kommen.
Und wenn es nur ein einziger kurzer Anfall war?
Hatte Ihr Tier einen ersten kurzen Anfall und hat sich vollständig erholt, vereinbaren Sie in den nächsten Tagen einen Tierarzttermin. Ein einzelner Anfall bedeutet nicht unbedingt Epilepsie, muss aber abgeklärt werden. Wie es weitergeht, von den Laboruntersuchungen bis zur Diagnose, lesen Sie im Artikel über Epilepsie beim Hund.
Häufige Fragen
Darf ich mein Tier in den Arm nehmen, damit es sich beruhigt?
Das ist nicht zu empfehlen. Während des Anfalls bekommt das Tier nicht mit, was um es herum passiert, und kann Sie ungewollt beißen oder kratzen. Halten Sie Ihre Hände von Kopf und Maul fern und helfen Sie nur, indem Sie gefährliche Gegenstände wegräumen.
Muss ich nach jedem Anfall die Tierarztpraxis anrufen?
Ist das Tier bereits diagnostiziert, wird behandelt und hatte einen kurzen Anfall, von dem es sich erholt hat, reicht es meist, den Anfall im Anfallstagebuch zu notieren und die behandelnde Tierärztin oder den behandelnden Tierarzt zu informieren. War es der erste Anfall, vereinbaren Sie einen Termin, sobald sich das Tier erholt hat. Die im Artikel beschriebenen Notfälle dulden keinen Aufschub.
Was mache ich, wenn ich den Anfall nicht filmen konnte?
Schreiben Sie so schnell wie möglich auf, was Sie gesehen haben: wie es angefangen hat, welche Körperteile sich bewegt haben, ob das Tier umgefallen ist, ob es gespeichelt oder Urin verloren hat, wie lange es gedauert hat und wie es sich erholt hat. Details vergisst man schnell, notieren Sie sie also noch am selben Tag.
Mein Tier sieht nach dem Anfall nichts. Ist das normal?
Eine vorübergehende Blindheit kann in der Erholungsphase nach dem Anfall auftreten und vergeht meist innerhalb weniger Stunden. Erzählen Sie es Ihrer Tierärztin oder Ihrem Tierarzt, denn schwere oder lang anhaltende Auffälligkeiten nach Anfällen sind ein Kriterium, um die Behandlung anzupassen. Geht es nicht vorbei oder kommen weitere Anzeichen hinzu, stellen Sie das Tier in einer Tierarztpraxis vor.
Quellen
- Berendt M. et al. 2015, International veterinary epilepsy task force consensus report on epilepsy definition, classification and terminology in companion animals, BMC Veterinary Research 11:182
- Bhatti S.F.M. et al. 2015, International Veterinary Epilepsy Task Force consensus proposal: medical treatment of canine epilepsy in Europe, BMC Veterinary Research 11:176
- Podell M. et al. 2016, 2015 ACVIM Small Animal Consensus Statement on Seizure Management in Dogs, Journal of Veterinary Internal Medicine 30(2):477-490
- Cornell University College of Veterinary Medicine, Riney Canine Health Center: Managing seizures
- American Kennel Club: Seizures in Dogs, Causes, Triggers, and Prevention
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.