Was kann epileptische Anfälle bei Hunden und Katzen verursachen?
Anfälle können durch ein Problem außerhalb des Gehirns entstehen, durch eine Veränderung im Gehirn oder durch eine Veranlagung des Gehirns selbst, ohne sichtbare Veränderung. Die internationale Expertengruppe IVETF nennt diese drei Kategorien reaktive Anfälle, strukturelle Epilepsie und idiopathische Epilepsie. Jede wird anders behandelt, deshalb ist das erste Ziel der Untersuchungen herauszufinden, in welche Kategorie das Tier gehört.
Was sind reaktive Anfälle?
Reaktive Anfälle sind die Reaktion eines gesunden Gehirns auf ein Problem im Körper, meist ein Stoffwechselproblem oder eine Vergiftung, das sich beheben lässt. Sie sind keine Epilepsie. Wird die Ursache behandelt, können die Anfälle ganz verschwinden. Die häufigsten Ursachen sind:
- Hypoglykämie, also ein zu niedriger Blutzucker;
- Hypokalzämie (niedriger Kalziumspiegel) und andere Verschiebungen der Blutelektrolyte, etwa von Natrium oder Kalium;
- Lebererkrankungen, vor allem der portosystemische Shunt, eine Fehlbildung der Blutgefäße, durch die das Blut an der Leber vorbeifließt. Die Giftstoffe, die nicht mehr gefiltert werden, gelangen ins Gehirn und verursachen eine hepatische Enzephalopathie, eine Störung der Gehirnfunktion;
- Vergiftungen: Insektizide (Organophosphate, Carbamate), Schneckenkorn mit Metaldehyd, Frostschutzmittel (Ethylenglykol), Blei, Strychnin. Bei Katzen sind Parasitenmittel für Hunde mit Permethrin eine häufige Ursache.
Was bedeutet strukturelle Epilepsie?
Die strukturelle Epilepsie wird durch eine sichtbare Veränderung im Gehirn verursacht. Die Anfälle können in jedem Alter auftreten, diese Ursache wird aber wahrscheinlicher, wenn ein Tier die ersten Anfälle nach dem 6. Lebensjahr hat oder auch zwischen den Anfällen andere neurologische Auffälligkeiten zeigt. Mögliche Ursachen sind:
- Hirntumoren;
- Entzündungen und Infektionen des Gehirns (Enzephalitis, Meningoenzephalitis);
- Schädel-Hirn-Verletzungen;
- Gefäßprobleme, zum Beispiel ein Schlaganfall;
- Fehlbildungen wie der Hydrozephalus (Wasserkopf) und degenerative Erkrankungen.
Die meisten dieser Veränderungen lassen sich nur im MRT erkennen und, bei Entzündungen, durch die Untersuchung des Liquors.
Was ist idiopathische Epilepsie?
Idiopathische Epilepsie bedeutet wiederholte Anfälle ohne Veränderung im Gehirn und ohne eine Erkrankung im Körper, die sie erklären würde. Man geht von einer genetischen Ursache aus, vor allem bei veranlagten Rassen. Sie ist die häufigste Form der Epilepsie beim Hund und beginnt meist zwischen 6 Monaten und 6 Jahren. Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose: Es gibt keinen Test, der sie direkt bestätigt, sondern eine Reihe von Untersuchungen, die die anderen Ursachen ausschließen. Mehr zu Verlauf und Behandlung finden Sie im Artikel über Epilepsie beim Hund.
Wie wird die Diagnose Schritt für Schritt gestellt?
Die IVETF-Leitlinie zur Diagnostik beschreibt drei Sicherheitsstufen für die idiopathische Epilepsie. Jede Stufe ergänzt die vorherige um weitere Untersuchungen.
| Stufe | Was dazugehört | Was ausgeschlossen wird |
|---|---|---|
| Stufe I | Mindestens 2 nicht provozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden, Beginn zwischen 6 Monaten und 6 Jahren, unauffällige klinische und neurologische Untersuchung zwischen den Anfällen, Blut- und Urinwerte ohne wesentliche Abweichungen | Die meisten reaktiven Anfälle |
| Stufe II | Stufe I, dazu normale Gallensäuren, ein unauffälliges MRT des Gehirns und ein normaler Liquor | Veränderungen im Gehirn und Entzündungen |
| Stufe III | Stufe II, dazu für epileptische Anfälle typische Veränderungen im EEG | Bestätigt den epileptischen Charakter der Hirnaktivität |
1. Vorgeschichte und Video
Die Untersuchung beginnt mit der Geschichte der Anfälle: wann sie angefangen haben, wie oft sie auftreten, wie sie aussehen, wie lange sie dauern und wie sich das Tier erholt. Wichtig ist auch, welche Medikamente oder Produkte es bekommen hat, ob es an giftige Stoffe herankommen konnte und ob Verwandte Anfälle hatten. Ein Video der Episode hilft, die Art des Anfalls zu bestimmen und ihn von einer Ohnmacht oder einer Gleichgewichtsstörung zu unterscheiden.
Das Alter beim ersten Anfall spielt eine große Rolle. Beginnen die Anfälle bei einem Hund zwischen 6 Monaten und 6 Jahren und ist die Untersuchung unauffällig, ist die idiopathische Epilepsie die wahrscheinlichste Erklärung. Bei einem Welpen unter 6 Monaten denkt man zuerst an Fehlbildungen, Infektionen oder Stoffwechselprobleme wie den portosystemischen Shunt. Bei einem Hund über 6 Jahren steigt die Wahrscheinlichkeit eines Tumors oder einer anderen Veränderung im Gehirn. Auch die Rasse kann die Diagnose lenken, denn manche Rassen haben eine bekannte Veranlagung zur idiopathischen Epilepsie.
2. Klinische und neurologische Untersuchung
Die Tierärztin oder der Tierarzt prüft Gang, Haltung, Reflexe, Hirnnerven und Reaktionen des Tieres. Eine auffällige neurologische Untersuchung zwischen den Anfällen spricht für eine Veränderung im Gehirn.
3. Blut- und Urinuntersuchungen
Das empfohlene Mindestprogramm umfasst ein großes Blutbild, die Blutchemie (mit Blutzucker und Elektrolyten), Gallensäuren oder Ammoniak für die Leberfunktion und eine Urinuntersuchung. Bei Katzen kommen der Blutdruck und bei älteren Tieren die Schilddrüsenwerte hinzu.
4. MRT des Gehirns und Liquor
Das MRT wird in Vollnarkose gemacht, mit einem speziellen Epilepsie-Protokoll. In derselben Narkose wird meist auch Liquor entnommen. Die Leitlinien empfehlen beides vor allem bei Beginn vor dem 6. Lebensmonat oder nach dem 6. Lebensjahr, bei auffälliger neurologischer Untersuchung, bei Anfallsserien oder Status epilepticus und wenn die Anfälle nicht auf die Behandlung ansprechen.
Eine neurologische Untersuchung zeigt, woher das Problem kommt und was zu tun ist.
Was bringt das EEG zusätzlich?
Das Elektroenzephalogramm (EEG) zeichnet die elektrische Aktivität des Gehirns direkt auf, über Elektroden am Kopf. Es ist die einzige Untersuchung, die die epileptische Aktivität selbst zeigen kann und nicht nur eine mögliche Ursache dafür. In der IVETF-Leitlinie stehen typische EEG-Veränderungen für die höchste Sicherheitsstufe der Diagnose.
In der Praxis ist das EEG vor allem dann hilfreich, wenn unklar ist, ob die Episoden epileptische Anfälle sind oder etwas anderes, zum Beispiel Zittern, Schlafstörungen oder Verhaltensepisoden. Es kann epileptische Entladungen auch zwischen den Anfällen erfassen. Ein normales EEG schließt eine Epilepsie aber nicht aus, weil die Aufzeichnung nur einen begrenzten Zeitraum abdeckt. Die Leitlinien weisen außerdem darauf hin, dass die EEG-Protokolle für Tiere noch standardisiert werden, weshalb das EEG nicht in allen Zentren zur Routine gehört. Wie die Untersuchung abläuft, lesen Sie auf der Seite EEG beim Tier.
Warum ist eine frühe Diagnose wichtig?
Weil die Behandlung von der Ursache abhängt. Ein reaktiver Anfall hört auf, wenn die Ursache behoben wird, eine Entzündung des Gehirns braucht eine andere Behandlung als die idiopathische Epilepsie, und bei der idiopathischen Epilepsie hilft ein Behandlungsbeginn zum richtigen Zeitpunkt, Anfallsserien und einen Status epilepticus zu vermeiden. Wenn Ihr Tier Anfälle hatte und Sie noch nicht wissen, warum, klärt eine Epilepsie-Sprechstunde, welche Untersuchungen noch nötig sind.
Häufige Fragen
Ist ein MRT für die Diagnose Epilepsie zwingend nötig?
Nicht in jedem Fall. Bei einem Hund mit ersten Anfällen im Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren, unauffälliger neurologischer Untersuchung und normalen Laborwerten kann die idiopathische Epilepsie mit einer grundlegenden Sicherheitsstufe diagnostiziert werden. Empfohlen wird das MRT vor allem bei Beginn vor dem 6. Lebensmonat oder nach dem 6. Lebensjahr, bei auffälliger neurologischer Untersuchung, bei Anfallsserien und wenn die Behandlung nicht wirkt.
Welche Untersuchungen sollte ich vor der neurologischen Sprechstunde machen lassen?
Meist sind ein großes Blutbild, die Blutchemie, Blutzucker, Elektrolyte, Gallensäuren oder Ammoniak und eine Urinuntersuchung hilfreich. Was genau noch fehlt, sagt Ihnen die Tierärztin oder der Tierarzt, sobald die Unterlagen gesehen hat, die Sie schon haben.
Die Laborwerte sind normal. Heißt das, dass mein Tier nichts hat?
Normale Laborwerte schließen viele Ursachen außerhalb des Gehirns aus, aber keine Veränderung im Gehirn und auch keine idiopathische Epilepsie. Sie sind nur ein Schritt der Diagnose.
Wie lange nach einem Anfall kann das MRT gemacht werden?
Jederzeit, wenn es nötig ist. Kürzlich aufgetretene Anfälle können vorübergehende Veränderungen im Bild hinterlassen. Treten solche auf, empfehlen die Leitlinien, das MRT nach einer anfallsfreien Zeit von etwa 16 Wochen zu wiederholen, um sie von einer echten Veränderung zu unterscheiden.
Quellen
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- De Risio L. et al. 2015, International veterinary epilepsy task force consensus proposal: diagnostic approach to epilepsy in dogs, BMC Veterinary Research 11:148
- Podell M. et al. 2016, 2015 ACVIM Small Animal Consensus Statement on Seizure Management in Dogs, Journal of Veterinary Internal Medicine 30(2):477-490
- Pakozdy A., Halasz P., Klang A. 2014, Epilepsy in cats: theory and practice, Journal of Veterinary Internal Medicine 28(2):255-263
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.